Basistext 1 Die Politik und das Politische




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Basistext 1
Die Politik und das Politische
Die Bankenkrise von 2007/2008 und ihre Mutation zu einer Krise der öffentlichen Verschuldung, was eine allgemeine Wirtschaftskrise zur Folge hatte, warf eine Reihe von Fragen auf, die die Ursachen dieser Krise und die Reaktion darauf betreffen. Diese Fragen sind keineswegs nur ökonomischer Natur, d.h. sie betreffen nicht nur die Wirtschaftswissenschaften. Sie betreffen die Gesellschaft als Ganzes, ihre Konstitution- und Rekonstitutionsmechanismen und zwar unter den Bedingungen des Globalisierungsprozesses, der zumindest seit den 70’ger Jahren des vorigen Jahrhunderts und insbesondere nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine neue, eine quasi postnationale, oder zumindest eine die klassische nationale Souverenität aushöhlende Ära eingeleitet haben. Diese Feststellungen führen zu einer grundlegenden wie auch prophanen Feststellung: Die Fragen, die die Krise und die Reaktion darauf aufwerfen, können nur auf der Basis einer politischen Argumentation beantwortet werden.

Sie können nur politisch beantwortet werden, weil sie, wie auch immer formuliert, das Politsche betreffen. Wenn wir das Politische als die Form, die Art und Weise, den Prozeß durch den eine Zahl von Menschen sich zu einer Gesellschaft konstituieren definieren, dann betreffen die Bedingungen der Reproduktion der Gesellschaft (sei es in der nationalen oder globalen Ebene) den Kern des Politischen. Somit sind auch die wissenschaftlichen Paradigmata der ökonomischen Theorie, bzw. Ihre Erklärungsversuche, sosehr sie sich auch als die reine Vernunft deffinieren mögen, wenn sie sich außerhalb des Politischen ansiedeln, sind sie reine selbstreferenzielle Konstruktionen einer durch die Autopoiese der jeweiligen Paradigmata konstruierten virtuellen Realität. Diese versteht sich als die vernünftige Ordnung des Realen, deren Gültigkeit durch die Unvernunft, also durch die Irrationalität der Politik und der Handlung der gesellschaftlichen Akteure gestört wird und somit von der der Vernunft äußeren Faktoren in ihrer Gestaltunsordung behindert wird. Nur die unbedingte Anpassung an die reine Vernunft der wissenschaftlichen Ökonomie könnte Disharmonien verhindern, d.h. nur dann würden ökonomische Krisen, als Phänomene oder Konsequenzen der unberechenbaren Politik, endgültig abgeschafft werden. Behavioristen können diese Störfaktoren und ihren irrationalen Charakter ermitteln, damit, vielleicht, die daraus erzeugten Abweichungsschwingungen miteinbezogen und errechnet werden können. Um aber eine politische Interpretation der Krise zu liefern und die Beharrungskraft des herrschenden ökonomischen Paradigmas zu erklären, müssen wir eine entscheidende Differenzierung vornehmen: Die Differenzierung zwischen der Politik und dem Politischen. Zwischen diesen Begriffen existiert eine grundlegende Differenz. Wenn die Konstituierung des Politischen, dessen Urformen im antiken Athen und im antiken Rom als protopolitische Phänomene historisch ermittelbar sind, die Quintessenz des Projektes der Moderne ausmacht, dann kann Politik sowohl ein Ordungsprozeß zur Realisierung dieses Projektes sein, als auch ein Prozeß der dieses Projekt verhindern bzw. liquidieren will. Ob dieses Projekt der Moderne tatsächlich in teleologischen Bahnen gefestigt wird hängt nicht von der entfesselten Kontingenz der postmodernen Interpretation der Geschichte, der Gesellschaft, der Politik, der Ökonomie und der Kultur ab. Das Projekt der Moderne hängt vielmehr von der gefesselten Kontingenz der Konstituierung des Politischen ab, als einem, in seiner inneren Logik, teleologischem Prozeß, der, durch seine spezifische Qualität d.h. durch die spezifische (deswegen auch gefesselte) Kontingenz der Elemente die ihn ausmachen und ihn als einen solchen aufweisen, nie ein eschatologischer Prozeß sein kann. Um es anders zu formulieren, das Politische, als Projekt der Moderne, weist eine teleologische Logik auf, die aber keinen Endpunkt/Grenze kennt, da die Grenze eine geschichtlich entstandene Schranke bedeuten würde, die den Prozeß stoppen und ihn dadurch zwangsläufig in sein Gegenteil verwandeln würde. D.h. der teleologische Charakter des Konstitutionsprozesses des Politischen, kennt kein Eschaton, weil ein Eschaton ihn als solchen annulieren würde.

Durch das oben Gesagte wird klar, daß wir einen anderen Erklärungszusammenhang suchen müssen, der im Rahmen der Konstitution des Politischen die Ökomonie, d.h. die Produktion und Reproduktion der materiellen Bedingungen des gesellschaftlichen Seins, und somit die wissenschaftlichen Paradigmata bzw. das herrschende ökonomische Paradigma erklären kann. Wir brauchen einen Erklärungszusammenhang, der eine Analyse liefert, die uns hilft die Fragen und die Antworten, die durch die Krise enstanden sind zu verstehen, zu interpretieren und in ihrem Wahrheitsgehalt zu prüfen.



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