Die “reine” Vernunft des Marktes und die gesellschaftliche Realität




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Sana26.06.2021
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Die “reine” Vernunft des Marktes und die gesellschaftliche Realität
Im Prinzip betrifft die Logik dieses Systems alle Menschen. Der Anspruch ist daß alle Menschen nach ihrem Vorteil streben und somit das Gleichgewicht der vernünftigen und somit besten aller Welten herstellen. Potenziell also alle Menschen, weil jeder als homo oeconmicus agieren muß, agieren kann und agiert. Dieser Entwurf der Welt nimmt konkrete Formen an. Er wird zum realisierbaren Projekt historisch durch die amerikanische und französische Revolution. Kurz gefasst, er ist der Weg der Emergenz des Individiums, die Vorbereitung des revolutionären Schrittes, der die Welt von Grund auf verändert hat. Auch England hat seine Revolution durchgemacht und dadurch den Weg der Explosion der Moderne durch die amerikanische Unabhängigkeiterklärung und die Deklaration der Rechte des Menschen und des Staatsbürgers vorbereitet(Habeas Corpus, Magna Charta etc). Alle Menschen sind Träger von unveräusserlichen Rechten und sie streben nach ihrem Glück, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Das tut oder das ist der homo oeconomicus. Er ist Träger von (natürlichen)Rechten , die sich auf dem Fundament der Eigentumsrechte basieren, die ihm seine Unabhängigkeit, Autonomie und Freiheit ermöglichen. Er strebt nach dem Glück, also nach dem höchsten Profit, das die einzige meßbare Form des(objektiven) Glücks sein kann.

Alle Menschen sind also der Adressat der Erklärung der Menschenrechte und alle Menschen sind homini oeconomici. Das gilt, aber es gibt auch eine Differenzierung, die man machen muß, um den historischen Augenblick, um Geschichte verstehen zu können. Alle Menschen, aber in diesem historischen Augenblick betrifft das nicht die Sklaven des Verfassers der Unabhängigkeitserklärung, es betrifft nicht die Wilden(Indianer), es betrifft nicht die Frauen, es betrifft nicht die Abhängigen und Eigentumslosen(sei es, daß sie potenziell diesen Status überwinden könnten). Für einen Moment schien es in Frankreich, daß die Deklaration es anders gemeint hat. Bald aber, - und nicht nur durch die Wiedereinführung der Sklaverei in den Kolonien durch Napoleon - wurde klar, daß auch dort der gleiche Inhalt zu verstehen war.

Somit stellt sich die Frage, was mit dem Begriff des Menschen gemeint ist, was die Kriterien des Menschseins erfüllt. Natürlich jeder, aber wer ist mit “jeder“ gemeint? Die Antwort ist einfach: Der weiße, volljährige Eigentümer. Er ist der homo oeconomicus des liberalen Paradigmas, weil er, als Eigentümer, das Recht aller Rechte besitzt und dadurch als ökonomischer und politischer Akteur die Kriterien des Menschseins erfüllt.

Die List der Vernunft, würde Hegel sagen, hielt aber eine Überraschung parat: Die Diskrepanz, der Widerspruch zwischen historischer Partikularität und universellem Anspruch setzte eine Bewegung in Gange, die trotz Hindernissen und Rückschlägen nicht aufzuhalten war. Die Geschichte nach den emanzipatorischen Revolutionen des 18. Jahrhunders ist die Geschichte der Lösung des Widerspruchs ihrer Deklarationen. Der universelle Anspruch siegt über die historische Partikularität. Die Deklarationen eröffnen einen Emanzipationsprozeß, einen Demokratisierungsprozeß, der seine ursprünglichen Schranken überwindet. Sie leiten einen teleologischen Prozeß ein, der den Inhalt des Projektes der Moderne ausmacht. Ja, sogar die reine Vernunft des liberalen Paradigmas wird in Frage gestellt und durch den keynsianischen Konsens c.a. 150 Jahre später delegitimiert.



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