• Heraus die Maus Reformationspredigt zu Gal 5,1–6 Kurt Rainer Klein
  • Spatzen und Glatzen Predigt über Mt 10,26–33 zum Reformationsfest Klaus Kohl
  • Gemeinschaft der Heiligen Gottesdienst am 1. November Christian Rave
  • Predigt über die Seligpreisungen am Reformationstag




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    Predigt über die Seligpreisungen am Reformationstag

    Hanno Gerke

    I.

    Die Welt ist nun mal, wie sie ist. Das brauche ich Ihnen nicht zu erklären. Sie kennen die Welt mindestens so gut wie ich.



    Wer Realist ist, der redet sich die Welt nicht schön. Und wir sind doch alle Realisten. Wer lässt einen Fremden in die Wohnung? Man kann heute niemandem mehr vertrauen!

    Wer verzichtet freiwillig auf seinen Vorteil? Wenn ich ihn nicht nutze, dann doch die anderen.

    Die Welt ist nun mal wie sie ist – daran ist nicht zu rütteln.

    Aber eins muss doch erlaubt sein: Wenigstens in der Phantasie können wir sie uns doch mal anders vorstellen. Tun wir in Gedanken doch mal so, als wäre die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte.

    Stellen Sie sich vor: Die Menschen richten ihr Leben nicht nach Haben und Besitz aus. Sie leben ganz bescheiden, sind mit Wenigem zufrieden – ein Dach über’m Kopf, das tägliche Brot. Was braucht man mehr?

    Sie schämen sich nicht, über ihre Gefühle offen zu sprechen. Sie täuschen nicht den anderen vor, dass sie immer gut drauf sind.

    Sie poltern nicht los und machen andere nicht mundtot. Sie sind offen, freundlich und warmherzig.

    Sie lassen nicht zu, dass einem Mitmenschen Unrecht getan wird. Sie setzen sich für alle ein, die bedürftig sind und Not leiden. Sie wollen gerechte Verhältnisse – aber sie verabscheuen Gewalt.

    Sie geben gerne und sind nicht nachtragend. Sie sind aufrichtig, lügen nicht, machen einem nichts vor, verstellen sich nicht vor anderen.

    Wo Streit ist, da vermitteln sie und schlichten.

    II.

    Die Kirche ist nun mal, wie sie ist. Uralt – Jahrhunderte schon! Das braucht ihm keiner zu erklären.



    Er lebt in ihr. Er ist Priester, Mönch in dieser Kirche. Es gibt nur diese. Eine andere kann man sich gar nicht vorstellen.

    Es ist eine Kirche der Ämter, der Strukturen. Eine Kirche, in der auch viel Geld verdient wird.

    Eine Kirche der Macht.

    Aber er hadert mit dieser Kirche!

    Er denkt: Es muss doch erlaubt sein: Dass man die Kirche daran erinnert, wofür sie eigentlich da ist.

    Für das Evangelium, für ein Leben mit Gott.

    Eine Kirche, in der Umkehr und Buße nicht für Geld verkauft werden.

    Eine Kirche, in der allein die Bibel gilt, allein Christus. Eine Kirche, die die Gnade Gottes verkündet und nicht das Gericht.

    III.

    Na, wie wäre eine solche Welt? Wie wäre eine solche Kirche?



    Gibt es eine solche Traumwelt irgendwo? Gibt es eine solche Kirche der Freiheit und Wahrheit?

    Ist unsere Kirche sogar der Ort, wo eine solche Welt ihren Anfang nimmt?

    Schade, dass das alles nur in Gedanken existiert. Oder gibt es sie vielleicht doch?

    Einer hat schon vor uns von einer solchen Welt geträumt. Und er hat den Menschen von seinen Träumen erzählt. Und immer wieder hat er gemahnt: Schreibt diese Welt nicht zu früh ab. Sie ist näher, als ihr glaubt. Es gibt schon heute Menschen, die auf dem Weg zu ihr sind und ihr könnt dazu gehören.

    Er hat gesagt:

    Lesung Mt 5,3–10

    Es sind Worte Jesu! Seine Worte sind das Evangelium des heutigen Tages, des Reformationstages.

    Das ist kein Zufall. Die Welt, die Jesus uns vor Augen malt, und die Kirche haben etwas miteinander zu tun.

    IV.


    Das jedenfalls ist es, wofür der andere, von dem ich eben erzählte, der Mönch Martin Luther, vor fast 500 Jahren sein Leben riskiert hat.

    Gott schenkt dir alles: dein Leben, deinen Glauben, deine Gerechtigkeit. Du musst gar nichts tun für seine Liebe. Alles kommt aus seiner Hand. Und dafür hat Jesus sein Leben gegeben. Der große Gott ist ganz klein geworden, so wie du, um dich mit seiner Kraft zu beschenken.

    Und dann ist alles möglich: Frieden, Bescheidenheit, Sanftmut, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit.

    V.

    Heute – am Reformationstag – blicken wir darauf zurück, erinnern uns.



    Ich sehe mit gemischten Gefühlen darauf.

    Vor drei Jahren war ich in der Lutherstube auf der Wartburg. Dort, wo Luther unter einem Decknamen untergetaucht das Neue Testament übersetzt hat.

    Dem Tod knapp entronnen. Noch voller Hoffnung, seine alte Kirche verändern, reformieren zu können.

    Das war noch am Anfang der Reformation.

    Hier, dachte ich, waren sich Luthers Hoffnung und das Evangelium ganz nah.

    Die Bibel ins Deutsche übersetzen, damit sie alle lesen und das Evangelium empfangen können!

    Aber es kam zur Spaltung der Kirche. Es wurden Kriege geführt.

    Und die evangelische Kirche wuchs. Manchmal wuchs sie sicher über sich hinaus, wurde zum Ort des Glaubens und der Nächstenliebe.

    Manchmal aber verkümmerte in ihr, was doch eigentlich ihr einziger Sinn und Zweck war.

    Mit ihrem Segen zogen Soldaten in den Krieg. Und sie schwieg weitgehend zum Ungeist der Nazis und ihrer Verbrechen.

    VI.

    Luthers Hoffnung und die Seligpreisungen Jesu.



    Ist unsere Kirche der Ort, wo das zusammenfindet?

    »Die Kirche muss immer reformiert werden«, hat Luther gesagt. Das klingt ernüchternd. So, als ob das nie Wirklichkeit werden könnte. Als ob wir nie fertig würden damit.

    Aber eigentlich ist es eine große Ermutigung!

    »Macht es immer wieder neu und von vorn! Gebt die Hoffnung auf eine Kirche des Evangeliums nicht auf!

    Hört immer wieder, wen Jesus selig und glücklich preist!

    Und werdet zur Herberge, in der das den Anfang nehmen kann.

    Gott gibt euch alles: Das ist das Evangelium!«

    VII.


    Die Welt ist nun mal, wie sie ist. Der Ort, in dem Jesus Menschen ins Licht des Evangeliums stellt und die dann selbst zum Licht für andere werden.

    Die Kirche ist nun mal, wie sie ist. Gottes Haus in dieser Welt – genau in dieser.

    Welche Kirche eigentlich? Immer die, die ernsthaft danach fragt!

    Heraus die Maus

    Reformationspredigt zu Gal 5,1–6

    Kurt Rainer Klein

    »Zur Freiheit hat uns Christus befreit!« sagt Paulus. Im Blick auf die Reformation und Martin Luther denken wir an die Schrift des Reformators »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, in der er sagt: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Vielleicht klingt dies bei den Aussagen ein wenig widersprüchlich. Aber Freiheit bedeutet immer zweierlei: zum einen frei sein von etwas und zum anderen frei sein für etwas.

    Zwei Jugendliche im Alter, wo man gerne grübelt und auf viele Fragen wenige Antworten erhält, kamen auf die Freiheit des Menschen zu sprechen. »Ich finde es zum Heulen«, sagte der eine, »dass man scheinbar tun kann, was man will, und am Ende erwischt einen doch die Notwendigkeit.« »Ja«, bestätigte der andere, »es ist zum Verzweifeln. Mir fällt dabei immer die Situation einer Maus ein, die sich einmal in unserem Keller verirrt hatte. Jemand ließ die Katze in den Keller, und nun begann es: Die Katze sprang zu und verfehlte die Maus – aber nur zum Spiel. Sie wusste ja, die Beute war ihr sicher. Die Maus flitzte von Ecke zu Ecke im aufgeregten Versuch, sich zu retten, aber das schien ausweglos zu sein.« »Und dann? Was geschah? Sie wurde wohl gefressen?« »Nein, mein Vater öffnete die Tür und die Maus konnte entkommen.«

    Eigentlich ist alles klar: Die Maus hat keine Chance gegen die Katze. Sie ist gefangen im Keller und gefangen in dem Naturgesetz, dass die Katze die stärkere ist. Aber dann öffnet sich – o Wunder – die Kellertür und sie entkommt völlig unerwartet und überraschend in die Freiheit, mit der sie nicht gerechnet hat. Frei von der Notwendigkeit gefressen zu werden, wird sie frei für ein neues Leben in ungeahnter Freiheit.

    Jesus hat seinen Zuhörern seine Botschaft vom Reich Gottes gerne in Gleichnissen erzählt. Diese Gleichnisse stießen zum Nachdenken an. Es waren keine fertigen Antworten, die er gab in dem Sinne: So ist es und nicht anders! Nein, durch das Erzählen eines Gleichnisses gab Jesus seinen Zuhörern die Freiheit, über das Gesagte nachzudenken und zu eigenen Schlüssen zu gelangen.

    Eines dieser Gleichnisse kennen wir mit der Überschrift »Vom verlorenen Sohn«. Die Überschrift ist nicht ganz korrekt, weil es in diesem Gleichnis ja bekanntermaßen um zwei Söhne geht. Um den, der in die Fremde zieht, und den Sohn, der zuhause bleibt.

    In den letzten Jahren habe ich immer wieder einmal mit meinen Konfirmanden über dieses Gleichnis geredet und darüber gesprochen. Im Vergleich der beiden Söhne haben die Konfirmanden eine gewisse Ungerechtigkeit empfunden. Der eine lässt sich sein Erbe auszahlen, zieht in die Fremde, verprasst alles, kommt wieder nach Hause und wird begrüßt wie ein König. Der andere bleibt zuhause, arbeitet brav von morgens bis abends, gönnt sich nichts, stellt keine besonderen Ansprüche, ist zuverlässig und gewissenhaft. Die Sympathien der Konfirmanden waren auf der Seite des Zuhausegebliebenen. Ihn haben sie als den Benachteiligten der beiden Söhne ausgemacht.

    Nun, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht? Wo Ihre Sympathien liegen? Wem Sie mehr zuneigen von den beiden? Menschlich betrachtet kann ich die Einstellung meiner Konfirmanden nachvollziehen und ihr Gerechtigkeitsempfinden verstehen. Doch ist das Gleichnis dieser beiden Söhne nicht ganz ähnlich wie die eingangs erzählte Geschichte mit der Maus?!

    Im Grunde ist für uns klar: Der Sohn, der sein Erbteil verprasst hat, hat zuhause keine Anrechte mehr. Eigentlich müsste er zuhause arbeiten wie ein Tagelöhner, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das empfänden wir im Blick auf den zuhause gebliebenen Bruder als gerecht.

    Aber Jesus überrascht uns. Wie der Vater in der Geschichte mit der Maus ganz unerwartet eine Tür öffnet, so auch der Vater in diesem Gleichnis. Die Zuhörer damals sind sicher genauso perplex gewesen wie wir, als sie gehört haben, wie der Vater den Rückkehrer empfängt: Mit offenen Armen läuft er ihm entgegen, er umarmt und küsst ihn, er lässt das beste Gewand, Ring und Schuhe holen, schlachtet ein gemästetes Kalb und veranstaltet ein Fest.

    So ist Gott, will Jesus sagen. Wie der Vater, der einfach die Tür öffnet und die Maus frei lässt. Wie der Vater in dem Gleichnis, dessen Liebe größer ist als unser Gerechtigkeitsempfinden, das einsperrt und uns gefangen hält. Diese Liebe überrascht uns immer wieder. Sie überrascht uns deswegen, weil sie Möglichkeiten sieht und eröffnet, die in eine ungeahnte Freiheit führen. Der Vater in der Geschichte ist frei, die Tür zu öffnen, und die Maus ist frei, zu leben. Der Vater im Gleichnis ist frei, da Liebe zu schenken, wo andere Verachtung oder gar Strafe erwarten, und der heimgekehrte Sohn ist frei, zu leben.

    Jesus führt uns Gottes unbegrenzte Möglichkeiten vor Augen. Das ist die Perspektive Gottes: Das Leben geht weiter – für die Maus, für den Heimgekehrten –, wo wir denken, es sei zu Ende.

    Und was heißt das für uns selbst? Jesus traut uns zu, in solcher Freiheit zu denken und zu handeln, die eingetretenen Pfade zu verlassen, die Grenzen zu überschreiten, neue Möglichkeiten zu ersinnen.

    Warum nicht freundlich sein, wenn man allen Grund hätte, beleidigt zu sein?

    Warum nicht sanfte Worte finden, wo ein Donnerwetter angebracht wäre?

    Warum nicht über den eigenen Schatten springen und neue Wege einschlagen?

    Wir haben alle Freiheit dazu!

    Spatzen und Glatzen

    Predigt über Mt 10,26–33 zum Reformationsfest

    Klaus Kohl

    Auf die Dächer muss es, liebe Gemeinde. Ans Licht der Öffentlichkeit muss, was es zu sagen gilt am Reformationsfest. In die Zeitungen, in die Parlamente, in die Büros, in die Betriebe. In die Krankenhäuser und auf die Friedhöfe. Die Erkenntnisse der Reformatoren sind kein konfessionelles Geheimwissen. Die Bekenntnisse der evangelischen Kirche grenzen nicht ab, sondern schließen auf. Reformationsgottesdienste sind keine protestantischen Kaderschmieden. Protestantisches Bewusstsein produziert keine Antihaltung, entwickelt sich nicht gegen andere Konfessionen und Religionen. Pro-testanten sind Zeugen für. Zeugen für Jesus Christus. Darum heißt es in unserem Bibelabschnitt: »Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.« Bekennen – wie macht man das?

    Unser Predigttext ist eine Zusammenstellung verschiedener Sprüche unterschiedlicher Herkunft. Alles Bekenntnissprüche. Da liegt ein Problem. Bei der Lektüre dieser Sprüche komme ich mir vor wie gelegentlich in einer Presbyteriumssitzung, in der Sitzung eines Leitungsorgans der evangelischen Kirche. Die verschiedensten Voten kommen da zu Wort. Jede und jeder hat etwas Wichtiges zu sagen. Es wird viel geredet, streckenweise weit aneinander vorbei. Dass geredet wird, scheint wichtiger, als dass gehört wird. Viele kommen zu Wort. Wenig kommt zu Gehör. Wo doch der Glaube aus dem Hören kommt. Nach Martin Luther.

    Ich frage: Sind unsere Sätze Sätze eines aufschließenden Bekenntnisses? Einladende Sätze, die Lust machen auf die Nachfolge Jesu? Oder Reizwörter, die abblocken, die nur Recht haben, die nur die Diskussion beenden wollen? Lassen Sie uns hineinschauen in unseren Predigttext. Mal gucken, was hinaufmuss auf die Dächer. Was gesagt werden muss.

    Statt auf einen wuchtigen Bekenntnissatz von reformatorischer Qualität weise ich Sie auf eine geradezu triviale Bemerkung hin: auf einen Satz, der für alle schlüssig ist. »Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.« Nicht wahr, das stimmt. Schauen Sie mich an. Bei mir geht das Zählen schnell. Und dennoch, ich lebe! Die Kosmetikindustrie kann sich dumm und dämlich verdienen. Glatze bleibt Glatze. Leben trotz Glatze? Nein, man ist inzwischen dahinter gekommen. Glatze ist ›in‹. Also: Leben mit Glatze! Es kommt noch primitiver. Noch deutlicher an die Anfänge gehend: »Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen?« Spatzen, die billigsten essbaren Vögel, der Braten des kleinen Mannes. »Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.« Ist das ein Trost für den Spatz im Fallen? Doch allenfalls nur, wenn sein Fallen selbst, um Braten zu sein für die kleinen Leute, guter Sinn ist. Guter Sinn seines und all der unzähligen Spatzenleben. Sein Leben und Fallen Sinn und Sinnbild für das Leben und Fallen Jesu. Sinn und Sinnbild für das Leben und Fallen seiner Jünger. Und so sind die Spatzen Trost für die Jünger, die sich fürchten, weil ihre Nachfolge offensichtlich nichts bringt, nichts anderes als die Nähe Jesu. Nichts anderes als Jesu Bekenntnis für sie vor seinem himmlischen Vater. Das aber auf jeden Fall. Auch im tiefsten Fall. Also, Spatzen und Glatzen, was soll’s! Fürchtet euch nicht! Und dennoch, fürchtet euch!

    Mit diesen Sätzen vom Fürchten und vom Nicht-Fürchten und vom Leib und von der Seele werden uns nun doch ein paar Gedanken zugemutet, die etwas komplizierter sind. Leib und Seele, das sind nicht zwei verschiedene Substanzen, aus denen der Mensch besteht. Nicht ein vergänglicher Leib und eine unvergängliche Seele, so wie es die Griechen meinten. Für die Bibel ist der Mensch durch und durch Leib und Seele. Er lebt ganz als Leib und Seele und stirbt ganz als Leib und Seele. Nur, Leib ist der Mensch in Bezug auf seine Hinfälligkeit, seine Begrenztheit, sein Werden und Vergehen, sein Wachsen und Welken. Und Seele ist er im Blick auf seine Beziehungen, seine Kontakte, seine Verhältnisse.

    »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können.« Das trifft für manches zu. Dem Menschen in seiner Hinfälligkeit ein Ende machen und ihn dennoch nicht klein kriegen in Bezug auf seine Lebendigkeit, das schaffen viele Menschen und Mächte. Vor denen fürchtet euch nicht! Schauen wir Martin Luther an. Der hat sich wahrhaftig nicht gefürchtet. Nicht vor seinem Ordensoberen, nicht vor dem Papst, nicht vor dem Kaiser. Nicht einmal vor seiner Käthe hat er sich gefürchtet. »Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.« Vor dem, der uns in unserer Hinfälligkeit und Begrenztheit, der unserem Werden und Vergehen, unserem Wachsen und Welken ein Ende machen kann und zugleich all unsere Kontakte abschneidet und uns hineinstürzt in die tiefste Beziehungslosigkeit, in die einsamste Verhältnislosigkeit. Der uns verkommen lässt im absoluten Tod.

    Wer ist das? Wer kann das? Hier streiten sich die Ausleger. Klar, hier ist vom Teufel die Rede. Andere sagen, von Gott. Ich denke, beides stimmt. Aber es stimmt nur, indem um Gottes willen vom Teufel die Rede ist. Denn von Gott kann man gar nicht anders reden als von dem, der im Tode Jesu Christi den Tod getötet und den Teufel verteufelt und alle Mächte entmachtet und alle Macht an sich genommen hat, so dass wir nur noch von einer guten Macht gehalten sind. Und vom Teufel kann man gar nicht anders reden als von jenem teuflisch blamierten und tödlich beleidigten Wesen, das uns immer wieder auffordert und ermuntert, uns an den Haaren selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Was das bringt, und das noch bei einer Glatze, das wissen selbst die Primitivsten. Darum: Fürchtet euch vor Gott, der in der Hölle aufgeräumt und den Teufel, so quicklebendig er sich gibt, mit all seiner scheinbaren Macht gebunden hat an die Ohnmacht seiner Liebe. Der im Tode Jesu Christi eine unauflösliche Beziehung gestiftet hat zu seiner ganzen vom Tode bedrohten Kreatur. Der in der Verhältnislosigkeit des Todes neue Verhältnisse geschaffen hat. Verhältnisse der Liebe. Darum fürchtet Gott!

    Wer vor Gott sich fürchtet, der und die geht nicht in die Knie. Wer sich vor Gott fürchtet, übt den aufrechten Gang. Kann den Kopf heben und nach vorn schauen. Kann den Schwefelgeruch der Hölle ausatmen und tief durchatmen und die Luft des neuen Morgens einatmen. Wir sollen Gott fürchten und lieben. Mit diesen Worten beginnt Martin Luther im Kleinen Katechismus seine Erklärungen zu jedem der Gebote Gottes. Gott fürchten und lieben. Damit eröffnet der Reformator die Hilfestellungen, die der Christenheit gemeinsam mit Israel gegeben sind zu einer guten Gestaltung des Lebens. Gott fürchten und lieben. Das sind die Signaltöne zum Aufbruch in die evangelische Freiheit. In die Freiheit eines Christenmenschen, die es in allen Lebensbereichen, so wie die Gebote es beschreiben, wahrzunehmen gilt.

    Diese Signaltöne müssen auf die Dächer. Müssen in die Öffentlichkeit. In die Zeitungen, in die Parlamente, in die Büros, in die Betriebe. In die Krankenhäuser und auf die Friedhöfe. Aber wie? Der erste Satz unseres Predigttextes zeigt an, dass das nicht in erster Linie unsere Sache ist. Das geschieht. Auch ohne unser Zutun. Auch hier ist mit unserer Macht nichts getan. Auch nicht mit der Macht kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit. Auch nicht mit der Überzeugungskraft christlichen Bekennermutes. Gleichwohl, Jesus sagt: »Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.« Jesus bekennen. Ja, im Kleinen beginnt das. Nicht erst bei Petrus und der Magd. Und hört im Großen nicht auf. Kennen Sie den Autoaufkleber »Jesus liebt dich«? Geschmackssache ist das. Zum Bekenntnis kann es werden, wenn ich mal aus Unachtsamkeit an ein Auto mit einem solchen Aufkleber einen Kratzer mache oder eine Beule. Oder wenn mir jemand auf mein Auto knallt, auch wenn ich diesen Aufkleber nicht durch die Gegend fahre.

    O ja, liebe Gemeinde, die Reformation, über die viele kluge Köpfe sich kluge Gedanken gemacht haben und machen, die Reformation, über die die Christenheit 500 Jahre lang nicht zur Ruhe gekommen ist, die Reformation, sie will und wird die ganze Welt in Bewegung setzen. Deshalb beginnt sie mit einer sehr trivialen Erkenntnis. Die Reformation beginnt mit der Erkenntnis, dass wir guten Grund haben, Gott über alle Dinge zu fürchten, zu lieben, zu vertrauen. Weil Gott sich bekennt zu den Menschen. Das muss man erst mal hören. Und tun? Was gilt es dann zu tun?

    Ich schließe mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer: »Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann, eine sogenannte priesterliche Gestalt, einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder Gesunden … –, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube«.



    Gemeinschaft der Heiligen

    Gottesdienst am 1. November

    Christian Rave

    Sollte Martin Luther tatsächlich seine Thesen am Abend des 31. Oktober angeschlagen haben, dann nicht, um einen neuen Feiertag zu erfinden. Vielmehr richteten sie sich an die vielen Kirchenbesucher am Hochfest Allerheiligen, das die Reformation im Sinne von CA XXI in Ehren hielt. Heute ist das Fest, obwohl im Evangelischen Gottesdienstbuch noch aufgenommen, aus dem Gemeindeleben weitgehend verschwunden. Im Credo erinnern wir uns zwar der sanctorum communio, aber feiern wir die Gemeinschaft mit denen vor, neben und nach uns auch? Wenigstens in den Jahren, in denen der 1. November auf einen Sonntag fällt?

    Seit deutlich mehr als 900 Jahren leben Christen im Kleinen Wiesental. Seit 460 Jahren besteht hier eine evangelische Kirchengemeinde. Heute stellt uns der alte Feiertag »in der Gemeinschaft der Heiligen« in den großen Zusammenhang, die Gemeinschaft mit denen, die vor uns lebten, die neben uns leben, die nach uns leben werden.

    Feiern in der Gemeinschaft der Heiligen – das heißt zunächst einmal, zu realisieren: Wir sind die Ersten nicht. Wir sind nicht die ersten Evangelischen im Tal, wir sind schon gar nicht die ersten Christen in den Dörfern hier.

    Wir sind die Ersten nicht, die glauben – und zweifeln;

    die leben wollen aus der Hoffnung – und manchmal allen Mut verlieren.

    Wir sind die Ersten nicht, die miteinander lachen – und weinen;

    die miteinander Feste feiern und Streit austragen; die miteinander froh sind – und manchmal überhaupt nicht mehr weiter mögen.

    Wir sind die Ersten nicht, die manchmal fürchten, die Letzten zu sein.

    Der Feiertag in der Gemeinschaft der Heiligen weist uns unseren Platz an: Evangelisch oder nicht – wir sind die Ersten nicht, und es ist nicht unser Verdienst, dass es hier seit 460 Jahren eine evangelische Gemeinde gibt, dass hier seit mindestens 900 Jahren Christen wohnen.

    Der Feiertag in der Gemeinschaft der Heiligen stellt uns in eine Reihe mit denen, die uns vorangegangen sind in Glauben, Hoffnung und Liebe. Das Fest stellt uns in eine größere Gemeinschaft als den eigenen Kreis in dieser Zeit: Es weist uns einen Platz an in der Kirche aller Zeiten und aller Orte, es weist uns einen Platz an in der Gemeinschaft der Heiligen.

    Das ist ganz schön dick aufgetragen: Gemeinschaft der Heiligen. Ich frage mich: Gemeinschaft der Heiligen: Gehöre ich da dazu? Ich fühle mich gar nicht heilig, eher im Gegenteil! Und dann – Gemeinschaft der Heiligen: Wenn ich denn schon heilig sein sollte, dann gehöre ich also zu einer Gemeinschaft, einer Art Familie von Menschen wie ich? Aber was ist das denn für eine Familie, was heißt es, dazu zu gehören?

    Menschen, die mehr von sich selber und ihrer Familie wissen wollen, betreiben Familienforschung. Sie wühlen in alten Archiven und lesen staubige Bücher aus lang vergangener Zeit und versuchen, sich Stückchen für Stückchen ein Bild zu machen. Doch meine Familienforschung heute geht anders, denn meine Familienforschung beginnt in … der Zukunft. Allerdings habe ich ein altes Buch gebraucht bei meiner Forschung, ein Buch, das mir viel zu erzählen hat über meine Familie: die Bibel.

    Das erste, was ich nachgelesen habe, ist: ob ich da nun wirklich dazugehöre, zu den Heiligen? Die Antwort war vollkommen deutlich: Selbstverständlich gehörst du dazu. Du hast doch die Stimme gehört, die dich rief, du möchtest doch glauben an Jesus Messias, du bist doch mit lebendigem Wasser getauft in seinem Namen?

    Ja, aber … heilig bin ich nun wirklich nicht, nein: Keine Rede von einem fleckenlosen Leben, keine Rede von einem steinharten Glauben, und Weinen ist mir oft näher als Lachen.

    Interessiert mich überhaupt nicht, sagte das Buch.

    Heilig sind die, die zu Gott gehören, weil ER gerufen hat.

    Heilig sind die, die zu Gott gehören, weil ER getauft hat.

    Heilig sind die, die sich mit IHM im Fallen und Wiederaufstehen auf den Weg gemacht haben.

    Und was die Flecken auf deinem Kleid angeht, die Risse von unterwegs, und die Ärmel, feucht von Tränen: Das kommt alles wieder in Ordnung. Lies mal ganz hinten, da steht es, alles wird wieder sauber und weiß werden, weil Gott das will und weil er selbst dafür sorgt.

    So landete ich mit meiner Familienforschung in der Zukunft, bei Johannes, der in einer Vision erzählt, wie es mit unserer Familie endet: »Dies sind die [Menschen], die aus der großen Bedrängnis kommen, und sie haben ihre Kleider gewaschen und weiß gemacht im Blut des Lammes [das ist Christus, der Herr]. Sie werden nicht mehr Hunger leiden noch Durst, noch wird sie überfallen die Sonne oder glühende Hitze, denn das Lamm … wird ihr Hirte sein und wird ihnen den Weg weisen zu lebenden Wasserquellen: und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen.« (Offb 7,14–17)

    Meine Familie hat Zukunft. Die Geschichte meiner Familie beginnt erst richtig, wo andere aufhören. Das bedeutet, dass es keinen Graben gibt zwischen mir und denen vor mir, dass die Toten nicht für immer von uns weggenommen, sondern uns höchstens einen Schritt voraus sind, dass sie auf uns warten, denn wir gehören zueinander, gerade in der Zukunft.

    Meine Familie beginnt erst, wo andere aufhören. Das bedeutet auch, dass die Grenzen hier und jetzt sehr relativ sind: Sie hier sind meine Familie, denn wir haben die gleiche Zukunft. Auch wenn wir unseren Glauben jetzt ganz verschieden erleben, gehören wir doch zusammen. Es gibt nicht eine Zukunft für Junge und Alte, für Katholiken und Protestanten, für Gläubige und Zweifler. Es gibt nur einen Herrn, der Leben schenkt.

    Auch unsere Partner in Teltow bei Berlin, in Whitstable in England oder in Kamerun sind meine Familie.

    Berlin Berlin - Olmoniya poytaxti. Federal maʼmuriy birlik - Yerga tenglashtirilgan. Shpre daryosi Xafeldaryosiga quyiladigan yerda. Shim. va Boltik dengizlariga chiqiladigan kanal lar boʻyida. Maydoni qariyb 890 km.

    Denn es gibt keine schwarze oder weiße, keine reiche oder arme Zukunft, sondern einen Herrn, der Leben schenkt. Zusammen sind wir unterwegs nach Gottes Zukunft, füreinander sind wir verantwortlich und lassen einander nicht im Stich.

    Meine Familienforschung beginnt in der Zukunft, sagte ich, aber ich lande im Heute, denn vor der Zukunft von Gottes Reich liegt die große Bedrängnis. Das Leben jetzt wird gekennzeichnet gerade von den Dingen, von denen Johannes sagt, dass sie vorbeigehen werden: Hunger und Durst, Sonnenglut und sengende Hitze. Heute und hier hätte er wohl von der Qual des Überflusses an Nahrung geschrieben. Oder von Menschen, die so verzweifelt und in Lebensgefahr waren, dass sie sich auf den gefährlichen und strapaziösen Weg zu uns gemacht haben, und von Menschen hier, die am liebsten alle Grenzen verbarrikadieren würden. Oder er hätte geschrieben von Nachbarn, die einander das Leben schwer machen; von tödlichen Krankheiten; vom Konkurrenzkampf am Arbeitsplatz; von – was hättet ihr aufgeschrieben?

    Meine Familienforschung ist anscheinend noch nicht fertig. Was kann ich denn in der Wirklichkeit von heute damit anfangen, dass ich einigermaßen weiß, wo alles endet? Johannes gibt Hinweise: Von den Menschen in den weißen Kleidern wird gesagt, dass sie aus der Bedrängnis kommen. Man kann also hindurchkommen!

    Auch wird gesagt, dass sie einen gefunden haben, der ihnen den Weg zeigt: Jesus, das Lamm. Wenn wir eine Familie sind, dann muss dieser Pfadfinder also auch für mich da sein. So blättern wir zurück in dem alten Buch und kommen zu einem Dokument, das die Menschen beschreibt, die hinter diesem Pfadfinder herlaufen.

    Glücklich werden sie genannt, denn sie finden Gnade bei Gott.

    Glücklich werden sie genannt, denn für sie hat Gott alles bestimmt.

    So werden sie beschrieben: Sie sind in sich selber arm, sie wissen, dass sie nichts erreichen aus sich selbst und alles von Gott erwarten müssen; sie machen sich die Not dieser Welt mit Tränen zu eigen, sie hungern nach Gerechtigkeit und werden darum verfolgt; sie setzen sich ein für den Frieden.

    Das sind die Menschen, deren Kleider wieder weiß werden, wenn sie aus der Bedrängnis zum Vorschein kommen: Menschen, die bei Christus gefunden haben, was sie aus sich selbst nicht erlangen konnten, die sich deshalb bemühen, ihm zu folgen. Die Menschen sind meine Familie.

    Diese Menschen sind – wir. Wir sind die Menschen, die zu Christus gehören. Wir sind die Menschen, deren Tränen abgewischt werden. Uns gehört das Reich Gottes. Wir gehören zusammen und sind Gott heilig.

    Wir sind die Ersten nicht – zum Glück nicht. Es gibt andere vor uns und mit uns, die uns zurufen: »Die Befreiung kommt durch unseren Gott … und durch das Lamm!« (Offb 7,10)

    Wir sind die Ersten nicht – wären wir doch die Letzten, wäre es doch endlich so weit, dass wir die Bedrängnisse hinter uns lassen könnten und unsere Kleider wieder weiß waschen könnten, für immer!

    Aber, Schwestern und Brüder, es ist doch schon so weit. Es beginnt doch schon. Wir gehören zusammen und teilen den Leib und das Blut des Lammes miteinander, und unsere Kleider werden wieder weiß wie am ersten Tag unseres Lebens. Und wir singen von dem, der uns aus der Bedrängnis befreit. Sein Königreich beginnt – unter uns. Schon 460, schon 900, schon über 2000 Jahre lang.



    Loslassen

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