• Gehalten – auch ohne Papst Predigt über Mt 16,13–19 zum Reformationsfest Markus Engelhardt
  • Betet und die Trümmer wegräumen! Gottesdienst über Jes 62,6–12 zum Reformationsfest Christel Weber
  • Identität heißt nicht Harmonie
  • Arbeitshilfen für die Gestaltung von Gottesdiensten zu Kasualien, Feierragen und besonderen Anlässen




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    Paraphrase zum Apostolikum

    Der folgende Text wurde in der Kirchgemeinde Langnau erarbeitet.

    Wir glauben an Gott – das Leben, die Liebe, die Vollkommenheit.

    Wir glauben an Gott – den Ursprung, das Fundament, die Zukunft der weiten Welt und unseres begrenzten Lebens.

    Wir glauben an Jesus Christus, der Zeugnis dafür ist, dass Gott sich mit uns verbindet und Mensch wird; der den Weg des menschlichen Lebens durchmisst, der an Menschenmacht zerbricht und stirbt, der dann von Gottesmacht auferweckt wird.

    Was gilt, ist das Leben, nicht der Tod, – niemand geht im Gedächtnis Gottes verloren – was bleibt, ist die Gewissheit einer erlösten Welt.

    Wir glauben an den Heiligen Geist, die Kraft Gottes, die alles belebt und Richtung gibt.

    Sie verbindet Menschen, die durch die Liebe Gottes heil werden.

    Wir glauben, dass Gott unsere Fehler vergibt und uns einen Neuanfang schenkt.

    Wir glauben, dass wir im Licht Gottes über den Tod hinaus geborgen sind. Amen.

    Gehalten – auch ohne Papst

    Predigt über Mt 16,13–19 zum Reformationsfest

    Markus Engelhardt

    Liebe Gemeinde! Nein, es ist kein Missverständnis und kein Versehen, dass ich ausgerechnet für den Sonntag vor dem Reformationstag diesen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium als Predigttext ausgewählt habe. Denn dieser Text ist gar nicht der biblische Kronzeuge für die Institution des Papsttums, für den er immer wieder gehalten wird, nicht zuletzt von der römisch-katholischen Kirche selber. Seine Verheißung, dass selbst die Pforten der Hölle die christliche Gemeinde nicht überwältigen werden, gilt allen Kirchen. Sie gilt auch uns, den Kirchen der Reformation. Und sie ist die denkbar beste Grundlage, die heute fälligen Reformen in unserer Kirche anzupacken, ohne zu verzweifeln. Denn wer keine Angst um seine Zukunft hat, dem fällt es leichter, sich nicht am Hergebrachten festzuklammern, sondern Neuland zu betreten. Ecclesia semper reformanda.

    I.

    Die römisch-katholische Kirche sieht in der Verheißung an Petrus, wonach Christus auf diesen Felsen seine Gemeinde, also die Kirche, bauen wolle, die biblische Gründungsurkunde für das Petrusamt. In großen Lettern schmückt diese Verheißung die Kuppel des Petersdoms in Rom: »Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam« – Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Auch ein aufrechter Protestant, wenn er einmal unter der Kuppel von St. Peter gestanden hat, kann sich dem überwältigenden Eindruck dieses Anblicks schwer entziehen. Wir brauchen uns nicht lange mit der Frage aufhalten, wer oder was hier eigentlich mit dem »Felsen« gemeint ist: Ist es das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes, das Petrus hier ablegt? So ist die Stelle vom 3. Jahrhundert an häufig ausgelegt worden: Der rechte christliche Glaube ist dann das Fundament, auf dem die Kirche erbaut wird. – Oder ist es Christus selbst? Viele haben als Konfirmationsspruch das Pauluswort erhalten, das wir gerade gesungen haben: »Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus« (1 Kor 3,11). Oder ist es am Ende doch die Person Petrus, wie es die heutigen Exegeten, sowohl auf evangelischer wie auf katholischer Seite, weithin verstehen?



    Wir können diese Fragen und den Streit um ihre Beantwortung auf sich beruhen lassen. Er ist theologisch und exegetisch höchst interessant. Aber für eine evangelische Predigt über diesen Text ist er unerheblich. Denn eines ist sicher: Von der Verheißung an Petrus zum römischen Papstamt führt kein direkter Weg. Das Matthäusevangelium denkt weder überhaupt an ein Petrusamt noch macht es irgendwelche Andeutungen darüber, dass es eine ununterbrochene Nachfolge in einem solchen Amt geben solle. Überdies sagt Matthäus über den Jünger Petrus nichts, was nicht auch für alle anderen Jünger gilt. Dieses letzte Argument verwendet Luther in seiner Auseinandersetzung mit der römischen Kirche von Anfang an. 1520 schreibt er:

    »Von den Worten des Matthäus her hat man die Schlüssel allein St. Petrus zugeeignet, aber derselbe Matthäus hat im 18. Kapitel dieses irrige Verständnis widerlegt, wo Christus zu allen insgesamt sagt: ›Fürwahr, ich sage euch: Was ihr werdet binden auf Erden, soll gebunden sein im Himmel, und was ihr werdet auflösen auf Erden, soll gelöst sein im Himmel.‹ Hier ist es klar, daß Christus sich selbst auslegt und in diesem Kapitel das vorhergehende erklärt, nämlich daß St. Petrus an Stelle der ganzen Gemeinde, und nicht um seiner Person willen, die Schlüssel gegeben sind«.

    Bei K. Bornkamm/G. Ebeling (Hg.), M. Luther. Ausgewählte Schriften, Frankfurt 1982, Bd. 3, 44.

    Soweit Luther. Und so gesehen können wir den alten Lehrsatz der katholischen Kirche auch ganz unbefangen evangelisch hören und positiv aufnehmen: Ubi Petrus, ibi ecclesia – Wo Petrus ist, da ist die Kirche. Aber »Petrus« eben nicht als Inhaber einer obersten Jurisdiktionsgewalt, sondern als Inbild des von Gott gerechtfertigten Sünders.

    Das Papstamt bleibt auch nach fast 500 Jahren eines der schwierigsten Hindernisse auf dem Weg zur Einheit oder – sagen wir bescheidener – zur Kirchengemeinschaft zwischen Rom und Wittenberg. Das gilt auch angesichts des Wirkens des gegenwärtigen Papstes Benedikt XVI. und seiner Vorgänger seit dem 2. Vatikanischen Konzil. Immerhin hat dies der letzte Papst, Johannes Paul II., selber erkannt und ausgesprochen. In seiner heute leider etwas vergessenen Ökumeneenzyklika von 1995 »Ut unum sint« wird zum ersten Mal überhaupt von einem Papst anerkannt, dass sein Amt eine Provokation und auch ein Hindernis auf dem Weg zur Einheit der Christenheit darstellt. Und er lädt zum Ende der Enzyklika alle christlichen Kirchen ausdrücklich ein, in einen Dialog über das Petrusamt einzusteigen.

    Man kann es ja als protestantischer Christ, bei aller Distanz, nicht leugnen und sich in vielem auch nur darüber freuen: Päpste wie Johannes Paul II. oder der unvergessene »Papa buono« Johannes XXIII. geben dem christlichen Glauben eine weltweite Ausstrahlung. Wenn Johannes Paul II. in Jerusalem zum Frieden mahnte, in Brasilien zur Gerechtigkeit und in der Ukraine zur Versöhnung, wenn er, äußerlich gebrechlich, aber in der Botschaft unerschütterlich und glasklar, dem kriegslustigen George Bush sein Nein zum völkerrechtswidrigen Einmarsch in den Irak entgegenschleuderte: dann wurde er nicht nur gehört als der Bischof von Rom oder der Papst der römisch-katholischen Kirche, sondern dann wurde er von vielen wahrgenommen als Sprecher der Christenheit in einer Welt, die die Botschaft des Evangeliums nötiger hat denn je.

    Mich hat das damals schon bewegt, wie bei den großen Jugendtreffen, die dieser Papst ins Leben gerufen hatte, die Jugendlichen seine Hinfälligkeit nicht als Makel empfanden, sondern als Gottes Kraft, die in den Schwachen mächtig ist, wie Paulus das im 2. Korintherbrief ausdrückt – und eben davon fasziniert waren, so dass sie millionenfach zu diesem Papst strömten. Erst recht dann, es als galt, Sterbebegleitung für ihn zu leisten. Und am jetzigen Papst [Benedikt XVI.] wiederum beeindruckt mich, dass er in seinem Stil, seiner unübersehbaren Konzentration auf das »Wort«, die Auslegung der Hl. Schrift, gewissermaßen ein geradezu »protestantischer« Papst ist. Viel mehr als jeder seiner Vorgänger. Nicht umsonst hat sich die Redewendung eingebürgert: »Zu Johannes Paul II. ging man, um ihn zu sehen. Zu Benedikt XVI. geht man, um ihn zu hören«. »Der Glaube kommt aus dem Hören«, sagt Paulus im Römerbrief. Eine für reformatorisches Denken ganz zentrale Aussage, die für den jetzigen Papst elementar wichtig ist. Sie sehen: Auch aus evangelischer Perspektive kann das Papsttum in der konkreten Person zu hohem Respekt nötigen.

    Und dennoch: Die Autorität des Papstamtes ist nicht einem Benedikt XVI. oder Johannes Paul II. oder Johannes XXIII. vorbehalten. Sie wird nach römischem Verständnis jedem verliehen, der auf den Stuhl Petri gewählt wird. In der Geschichte des Papsttums aber gab es weiß Gott nicht nur Lichtgestalten, sondern auch rechte Dunkelmänner. Der Papst bleibt auch als Papst Mensch, er ist vor Irrtum und Selbstüberschätzung nicht gefeit. Als protestantischer Christ brauche ich nicht nur kein Papstamt, ich will es letztlich auch nicht. Ich sehe seine enormen positiven Möglichkeiten. Aber noch mehr scheue ich seine Gefährdungen.

    II.


    Ob jedoch evangelische oder römisch-katholische oder orthodoxe Kirche – die Verheißung Jesu Christi gilt ihnen allen: »Die Pforten der Hölle sollen die Kirche nicht überwältigen.« Keine Kirche könnte eine solche Zuversicht auf irgendwelche menschlichen Fähigkeiten und Qualitäten gründen. Es ist allein der Beistand und die Zusage Gottes, die es möglich machen, so von der Kirche zu reden und damit alle Ängste um die Zukunft der Kirche zu verjagen. Luther hat einmal mehr den Nagel auf den Kopf getroffen: »Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten, unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen, unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein, sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da spricht: ›Siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende‹«.

    Was ist nun damit gemeint, dass »die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen« werden? Wir brauchen dazu nur auf die Verfolgungszeiten der Kirche zu sehen. Sie kehrten über die Jahrhunderte in immer neuen Gestalten wieder, und viele von ihnen waren die Hölle. Noch keine 100 Jahre ist es her, dass die stalinistische Gewaltherrschaft in Osteuropa die Kirchen zu bedrücken begann und unzählige Christen als Märtyrer sterben ließ. In der Sowjetunion dauerte das von 1917 bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts an. Diese lange Zeit ist es auch, die mich dieses Beispiel und nicht die NS-Diktatur wählen lässt. Man mag sich nicht ausmalen, was Christen im Herrschaftsbereich der Nazis passiert wäre, hätte die NS-Diktatur auch über Jahrzehnte Bestand gehabt. Unter der stalinistischen Gewaltherrschaft jedenfalls wurde die Kirche aus der Öffentlichkeit verdrängt, die Gläubigen mussten überall Nachteile hinnehmen, Kirchengebäude wurden zweckentfremdet oder geschleift. Aber nach der Wende zeigte sich etwas schier Unglaubliches: Die Kirche lebte, die Hölle, durch die sie hindurchgegangen war, hatte sie nicht verschlungen, das Blut der Märtyrer war auch in diesem Fall der Same einer neuen Blüte.

    Es fällt mir schwer, über solche Vorgänge zu reden. Denn ich gehöre zu einer Generation, die aus eigener Anschauung noch nichts erlebt hat, was für die Kirche auch nur annähernd so etwas wie die Hölle bedeutet hätte. Wir sind weithin Schönwetterchristen, die eisiger Kälte und sengender Hitze noch nie ausgesetzt waren. Gott sei Dank! Niemand sehnt sich danach, die Hölle zu durchleben oder in ihr umzukommen. Aber manchmal täte es uns ins Dauerjammern verliebten deutschen Protestanten gut, uns vor Augen zu halten, was wirklich bedrängend ist für die Kirche. Und wenn es uns zustieße – gebe Gott, dass wir im Vertrauen auf den Beistand Gottes standhaft bleiben und unseren Glauben tapfer bekennen.

    Damit ist nicht von ferne zu vergleichen, dass sich die Kirche unter veränderten Rahmenbedingungen selbst verändern muss und dass wir dabei manches von dem, an das wir uns über noch mehr als sieben Jahrzehnte gewöhnt hatten, nicht erhalten können. Das tut, wie jeder Abschied, weh. Aber Jesus hat Petrus – und in ihm uns – nicht verheißen, dass es für die Kirche eine Art Besitzstandswahrung gibt. Nein, er hat ihm, neben der Zusage mit den Pforten der Hölle, nur noch ein zweites verheißen: nämlich dass er ihn »gürten«, also unentkommbar an seinen, Jesu, Willen binden und dorthin führen werde, wohin er, Petrus, nicht will. Also nicht dahin, wo es heimelig ist, wo Petrus Lorbeeren ernten kann. Sondern dahin, wo es weh tut. Im Blick auf den konkreten Petrus waren damit Rom und das Martyrium gemeint. Was kann es für uns heißen? Die Veränderungen, die derzeit nicht nur bei uns in Freiburg vielen Gemeinden zugemutet werden, tun manchmal weh, aber sie sind nötig, um uns auf eine grundlegend gewandelte Situation einzustellen. Aber weil uns Jesus Christus die Angst um die Zukunft der Kirche nimmt, sind wir frei, ohne Gefühle der Panik über fällige Reformen nachzudenken und sie anzugehen.

    III.

    Der Rat der EKD hat es vor fünf Jahren unter dem programmatischen Titel »Kirche der Freiheit« in einem Impulspapier »Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert« entworfen. Dieser Text steht und fällt damit, dass er die Erneuerung unserer Kirche unter den Grundsatz rückt: »Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität: Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein.« Die Kirche soll also nicht alles Mögliche machen, sich nicht in manchmal sehr veräußerlichte Betriebsamkeit verlieren, sondern sich konzentrieren auf das, worauf es ankommt, was ihrer Sendung in die Welt gemäß ist. An dieser Stelle habe ich auch keine Probleme mit dem z.Zt. durch die Debatte geisternden ungewöhnlichen Wort von der »Entweltlichung«, die der Papst heute vor fünf Wochen hier in Freiburg seiner Kirche als Gesundungsprogramm verschrieben hat. Diese Therapie täte in mancher Hinsicht auch uns gut. Es ist jedenfalls für die geistliche Verfassung unserer Kirche kein gutes Zeichen, dass wir landauf, landab mit ungleich mehr Energie und Leidenschaft über »Vorletztes« wie den Erhalt kirchlicher Immobilien streiten als über zentrale Inhalte wie etwa das Verständnis von Tod und Auferstehung Jesu.



    Die EKD hat mit ihrem Impulspapier, das muss ich hier in dieser Kirche nicht sagen, nicht überall Begeisterung ausgelöst. Aber es gibt darin allemal Gedanken und Aussagen, die zu diskutieren sich lohnt. Dazu noch ein paar kurze Andeutungen:

    Stichwort 1: Vielfalt der Gemeindeformen. Die Parochie, also die durch ihr Gebiet definierte Gemeinde, bleibt das Standbein der evangelischen Kirche. Aber eine größere Vielfalt von Gemeindeformen als Spielbein ist ein ganz wichtiger Weg, die Wachstumskräfte unserer Kirche zu stärken. Profilgemeinden, Gemeinden bei Gelegenheit, Richtungsgemeinden; auch die Wiederentdeckung von Kommunitäten und klosterähnlichen Gemeinschaften gehören hierher. Wer mal in unserer Personalgemeinde »dreisam3« zum Gottesdienst war und weiß, welch tolle Arbeit dort auch jenseits des Gottesdienstes geleistet wird, der ahnt, wie zukunftsträchtig solche Gemeindeformen sind.

    Stichwort 2: Qualitätssteigerung. Es ist das Wehen des Geistes, das letztlich über die Wirkung kirchlicher Arbeit entscheidet. Aber der Heilige Geist ist nicht dazu da, unsere Nachlässigkeit, Trägheit oder Lieblosigkeit zu kompensieren. Im Impulspapier heißt es: »Das heimliche Schweigegebot über die Qualität kirchlicher Angebote muss aufgebrochen« werden.

    Stichwort 3: Ziele setzen. Der Rückgang – die Zahl der Gemeindemitglieder nimmt ab, der Gottesdienstbesuch sinkt, die Taufen und Trauungen werden immer weniger – ist für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert kein unentrinnbares Naturgesetz. Es gibt Gemeinden, die vormachen, dass es möglich ist, sich ehrgeizige Ziele zu setzen und tatsächlich gegen den Trend zu wachsen. Wenn man sie sich näher ansieht, fällt auf, dass es stets Gemeinden sind, die ihre Energien und Ressourcen nicht in sekundäre Dinge wie Gebäude- und Haushaltsfragen verzetteln, sondern in großer Konzentration auf geistliche, theologische Themen fokussiert bleiben.

    Veränderungen bringen es unweigerlich mit sich, dass Gewohntes aufgegeben werden muss. Das ist nicht leicht – umso mehr dann, wenn man verunsichert ist. Wer ängstlich in die Zukunft blickt, klammert sich an das, was ihm vertraut ist. Das ist das uralte Bild der Rückschau zu den vermeintlichen Fleischtöpfen Ägyptens. Denken Sie nur daran, wie viel politischer Mühen und Energien es vor 40 Jahren für Willy Brandt und seine damalige sozialliberale Koalition bedurfte, die Deutschen von der notwendigen Aussöhnung mit den verfeindeten Ostvölkern und der Unvermeidlichkeit des Verzichts auf die früheren deutschen Ostgebiete zu überzeugen und auf diesen ganz neuen Weg mitzunehmen.

    Darum ist die Verheißung unseres Predigttextes so wichtig: Die Pforten der Hölle werden die Kirche niemals überwältigen. Das schafft Gelassenheit. Und das macht frei, Gewohntes loszulassen und Neues zu wagen. Ein Zitat aus dem EKD-Impulspapier lautet: »Im Geist des Vertrauens Vertrautes verlassen«. Aber das ist keine Erfindung aus Hannover. So hat die evangelische Kirche schon lange geredet und gesungen, die Böhmischen Brüder im 16. Jahrhundert, Klaus Peter Hertzsch aus Jena im 20. Jahrhundert: »Es tut ihn nicht gereuen, was er vorlängst gedeut’, / sein Kirche zu erneuen in dieser fährlichn Zeit« (EG 243,5). Darum: »Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist«. (EG 395,1)



    Betet und die Trümmer wegräumen!

    Gottesdienst über Jes 62,6–12 zum Reformationsfest

    Christel Weber

    Eine zerstörte Stadt.

    Fenster geborsten. Einschusslöcher. Häuserfronten abgebrochen, der Blick geht ins Innere, wo einmal Leben war.

    Erwachsene hatten sich hier zu schaffen gemacht, hatten geträumt, gebaut, gewerkelt, Menschen mit Passion und Hingabe, und nach getaner Arbeit hatten sie auf ein Gläschen Wein zusammen gesessen.

    Wo seid Ihr?

    Ein paar Mauerreste stehen noch. Einst hatten sie die Stadt trotzig verteidigt. Und die Kinder geborgen, die in ihren Gassen gespielt hatten und abends im Dämmerlicht mit Liedern und Gebeten zu Bett gebracht wurden.

    Wo seid ihr Kinder jetzt?

    Hier ein Schutthaufen, da eine einzelne Wand. Ein Turm. Beziehungslos. Einst hatten sie sich aneinandergeschmiegt, die Häuser und Türme, und ein Ganzes gebildet, scheinbar unüberwindbar, unsere Stadt.

    Wo ist deine Schönheit geblieben? Wo ist deine Kraft, uns alle zu sammeln und zu binden, geblieben?

    Das Tor, jetzt ein Bogen ohne Halt, beraubt seiner Funktion. Lächerlich wie ein Nackter, der auf weiter Flur steht und ruft: Kommt doch herein!

    Wo hinein? Hier herein? Was soll ich denn hier?

    Die Straße voller Trümmer. Hier kommt keiner mehr durch.

    Aber es ist ja auch kaum jemand mehr da.

    Nur hier und da durchstreift jemand die Geisterstadt.

    Einige von ihnen sind unruhig, mit den eckigen Bewegungen junger, unsicherer Leute, die nicht wissen, wonach sie suchen. Sie haben Hunger.

    Andere laufen mit gesenktem Kopf. So als suchten sie etwas Verlorenes, etwas Kostbares und wüssten zugleich, es ist unwiederbringlich.

    Wer ist diese zerstörte Stadt?

    Paderborn nach der verheerenden Bombardierung vom 27. März 1945?

    Mogadischu, das jemand das Stalingrad Afrikas genannt hat?

    Aleppo in Syrien?

    Wer ist diese zerstörte Stadt?

    Der Prophet Jesaja sagt, es ist Jerusalem.

    Der Ort, wo Gott unter den Menschen wohnt.

    Er ist zerstört.

    »Die zerstörte Stadt ist ein Bild für den alten Bund, für den Bund, den Gott mit seinem, dem jüdischen Volk, geschlossen hat. Der hat ausgedient.« So sagen Christen schon bald nach Jesu Tod und Auferstehung: »Jetzt gibt es einen neuen Bund. Den Bund mit Christus. Jetzt ist die Kirche das wahre Jerusalem. Wir bauen es wieder auf.«

    Und dann im 19. Jahrhundert, ganz populär im Kulturprotestantismus, sagen sie mit stolz geschwellter Brust: »Die zerstörte Stadt, das ist die Kirche am Vorabend der Reformation, so heruntergewirtschaftet wie sie ist, so verfallen.« Und sie haben auch gleich die Schuldigen für diese verheerende Zerstörung parat: Natürlich sind es die Altgläubigen, (aus unserer heutigen Perspektive: die Katholiken); sie haben die Stadt Gottes, sie haben die Kirche heruntergewirtschaftet, sie haben sie so zerstört, dass sie in Schutt und Asche daliegt, so dass erst Martin Luther kommen musste, um sie aus ihrem Elend zu erlösen.

    Leider stimmt das nicht ganz. In diesen Wochen findet in Mühlhausen, dem Schauplatz der radikalreformatorischen Bewegung um Thomas Müntzer und Heinrich Pfeiffer, eine Ausstellung zu »Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation« statt. Sie zeigt, dass die Zeit zu Beginn der Reformation keinesfalls düster war. Die Kirche stand in voller Blüte. Und die Kirche bot nicht nur verlotterten, geldgierigen Ablasspredigern ein Auskommen, sondern auch jede Menge Hilfeangebote, Platz für kreative, moderne Kunstwerke, phantasievolle geistliche Schauspiele und Wallfahrten.

    Und so eignet sich das Bild aus dem Jesaja-Buch leider nicht, um am Reformationstag Katholiken zu schelten und uns auf ihre Kosten groß zu machen, obwohl wir es in diesen Tagen damit ja scheinbar einfach haben.

    Nein, wenn wir diesen Jesaja-Text heute als Predigttext entgegennehmen wollen, als das lebendige zu uns sprechende Wort Gottes, dann können wir das Bild des Propheten Jesaja von der zerstörten Stadt nur als ein Spiegelbild betrachten:

    Wir sind die zerstörte Stadt, unsere Kirche ist bis in die Grundmauern erschüttert, löcherig, zerfallen. Reste stehen noch, aber wie lange noch?

    Und so stemmen wir uns gegen die letzten Mauern, Presbyterien, Pfarrerinnen und Pfarrer, Jugendreferenten, diakonische Mitarbeiterinnen, und all die ehrenamtlich Mitarbeitenden und die treuen Kirchgänger, damit die letzten Mauern nicht auch noch einfallen:

    Die Kinder und Jugendlichen kommen nicht mehr, die Jugendlichen nur noch mit einem Kärtchen in der Hand, um es für den Konfirmationsunterricht abzeichnen zu lassen …

    Wo finden sie die Geschichten, die sie durch’s Leben tragen sollen? Im Internet oder in der Fülle der Hausaufgaben?

    Finden sie sich überhaupt eingeladen bei uns? Verstehen sie noch unsere Sprache? Geben wir ihnen Raum, Glauben so zu leben, wie das zu ihrem Alter passt? Sind wir ehrlich mit ihnen?

    Die Erwachsenen kommen nicht mehr. Sie erwarten von uns wenig bis gar nichts. Und sie haben ja auch Recht. »Gott ist nicht tot«, sagte Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie aus Leipzig, kürzlich: »Er ist nur in einem der langweiligen Gottesdienste eingeschlafen«.

    Ist das, was wir glauben, langweilig?

    Geht es nicht mehr um Tod und Leben, um Hass und Liebe, um Schuld und Versöhnung, um Erbarmungslosigkeit und tiefstes Erbarmen, um alles?

    Warum speisen wir Sie/euch/uns mit kleinen, knüddeligen Geschichtchen ab, in denen Gott allenfalls ein netter Kerl ist, der freundlich und stumm neben uns steht? Warum trauen wir uns nicht mehr zu sagen?

    Weil wir so eingelullt sind in Beamtengehälter, Hierarchien und Bürokratie, dass wir die ganze Leidenschaft, die ganze Wucht der christlichen Botschaft selbst nicht mehr in uns spüren?

    Wie aber sollen wir sie dann weitergeben?

    Dann doch lieber noch einen geselligen Kreis aufmachen, evangelisch Skatspielen, evangelisch tanzen, evangelisch kochen und viel wichtige Papiere ausfüllen …

    »Selbstsäkularisierung« hat Wolfgang Huber, der frühere EKD-Vorsitzende, das genannt. »Selbstbanalisierung« nennt es Michael Welker.

    Nicht die angeblich gottlose Welt hat Gott an den Rand gedrängt, wir tun es ja selbst. Wir tun es ja selbst …

    Und die Armen, die ersten begeisterten Nachfolger Jesu, Menschen, die ihre Kraft und Würde in der Nähe Jesu gefunden haben, auf deren Freude unsere Kirche gegründet ist – wir helfen ihnen, wir sorgen für sie, da tun wir wirklich viel Gutes – aber sie sind nicht mehr Subjekte, Teilhaber wie am Anfang … und sie fehlen uns so sehr in unseren Kirchen … sie würden uns so anders aussehen lassen …

    Wir sind das, die zerstörte Stadt: wackelige Mauern mit Einschusslöchern, voller Steine in den Gassen, eine Stadt, die mit dem nächsten Skandal sturmreif geschossen werden kann.

    Wie soll es weitergehen?

    Erst einmal mit Gesang! Reformation ist ohne Musik nicht zu denken! Gott loben, das ist unser Amt!

    Zwei Strophen des Eingangsstückes der Deutschen Messe von Schubert: »Wohin soll ich mich wenden?«

    Musik

    Wie soll es weitergehen mit der zerstörten Stadt?

    Wie wird sie wieder aufgebaut, »reformiert«? Denn das ist ja sicher: »ecclesia semper reformanda«. Nicht nur einmal ist Reformation, die Kirche muss immer wieder reformiert werden.

    Es ist gar nicht so schwer, liebe Schwestern und Brüder.

    Wir müssen die Kirche nämlich nicht reformieren.

    Jetzt sind Sie enttäuscht, nicht wahr?

    Das finden Sie zu billig nach all meiner Empörung, nicht wahr?

    Aber Jesaja sagt klar: Er, Gott, wird Jerusalem wieder aufrichten und es zum Lobpreis auf Erden setzen. Nicht wir bauen die Kirche. Und das ist reformatorisch. Solus Christus. Sola gratia. Sola fide. Allein Christus, allein aus Gnaden, allein durch den Glauben. Allein Gott.

    Und das entlastet herrlich. Das ist so wunderbar entspannend.

    Ich muss es einfach noch mal sagen, uns allen, aber euch, den vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden kurz vor dem Burnout im Besonderen:

    Gott wird sich von unserem Tun oder Nicht-Tun oder Falsch-Tun nicht daran hindern lassen, seine Sache zu tun! Er ist nicht von uns abhängig.

    »Gott braucht Dich nicht« heißt der provokante Titel eines Buches, das aufräumt mit dem Gedanken, Gott sei eine Art Sozialreformer, dem wir unter die Arme greifen müssten, damit er erfolgreich ist.

    Nein: Allein Gott baut! Er ist am Werk!

    »Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus« (1 Kor 3,11) – Spruch für den heutigen Reformationstag.

    Und doch sollen und können wir etwas tun. Zweierlei nennt Jesaja, der Prophet:

    »Ich habe Wächter über deine Mauern bestellt«, spricht er, »die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden.«

    Also ruft zu Gott! Nervt ihn! Trommelt mit den Fingern! Stampft mit den Füßen! Klappert mit den Topfdeckeln! Drückt die rote Lampe! Schaltet die Sirenen an! Lasst den Chor aufheulen!

    Schreit, ruft, seufzt, betet (mit mir):

    Gott, wir kriegen es einfach nicht hin – mit uns selbst nicht, mit den Menschen nicht, die wir doch eigentlich lieben, mit der Kirche kriegen wir es nicht hin, mit der Welt nicht. So viele Trümmer! So viele zerstörte Städte. So viele Menschen heimatlos. Auch bei uns. Auch in der Kirche. Wir halten es einfach nicht mehr aus.

    Gott, mach du jetzt, wir wissen nicht weiter, und uns fehlt die Kraft.

    Wir glauben nur, Du hast es anders gedacht: menschlicher, göttlicher. Weiter, wärmer, größer, offener, fröhlicher!

    Und du hast versprochen, das geknickte Rohr nicht zu zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auszulöschen. Jetzt mach, Gott, mach und tu, und richte wieder auf, was daniederliegt.

    Werft ihm eure Gebete vor die Füße! Es steht doch hier in der Bibel: All eure Sorgen werft auf Gott!

    Was nützen die schönsten irischen Segenssprüche, der leckerste Kuchen im Gemeindehaus, die besten Strukturen, wenn wir nicht mehr miteinander beten können, ehrlich, ungeschminkt?

    Gott wartet …

    Und dann fangt an, die Steine wegzuräumen!

    Ihr Trümmerfrauen, Ihr wisst noch, wie das geht!

    Anpacken, Schutt aus dem Weg wegräumen. Platz machen, damit das Volk Gottes einziehen kann, all die brothungrigen und seelenhungrigen Menschen, die nach Hause kommen wollen in die Stadt, in der Gott wohnt.

    Aber noch sind da so viele Steine im Weg.

    Steine, die heißen:

    mangelnde Gastfreundschaft in unseren Gemeinden. Kann es wirklich sein, dass wir Tauffamilien danach beurteilen, ob sie sich »ordentlich« benehmen, statt ihre Kinder zu bewundern, ihre Freude zu teilen, sie herzlich zu begrüßen? Und das ist doch nicht Sache allein der Hauptamtlichen!

    Räumt die Steine hinweg! Bereitet ihnen den Weg!

    Kann es wirklich sein, dass wir unseren jungen Leuten in der Kirche nichts anderes sagen als »Psscht! Seid leise!«, statt sie mit ihren jugendlichen Gaben leuchten zu lassen? Ich bin heute aus dem Konfi-Camp gekommen: 100 junge Leute beten und singen und sitzen bis tief in die Nacht bei Kerzenlicht in der Kirche, freiwillig …

    Räumt die Steine aus dem Weg! Macht Bahn, macht Bahn!

    Kann es wirklich sein, dass wir an unseren kirchlichen Privilegien festhalten wollen, für die wir in diesen Tagen mit der katholischen Kirche zusammen in Haftung genommen werden? Ca. 470 Millionen Euro an Staatsdotationen im letzten Jahr, das hat mit Kirchensteuern und Zuschüssen zu Kindergärten, Schulen etc. nicht einmal was zu tun. Das sind Gelder des Landes NRW für kirchliches Leitungspersonal, Privilegien, die aus den Entschädigungen stammen gemäß des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Es stand schon in der Weimarer Verfassung, dass sie abgelöst werden sollten; und im Grundgesetz steht es genauso.

    Das sind Steine im Weg! Menschen stolpern darüber.

    Sie fragen zu Recht, was Privilegien denn in einer Kirche Jesu Christi zu tun haben.

    Räumt sie weg!

    Lasst uns Kirche dessen sein, der auch nicht wusste, wo er sein Haupt hinlegte. Und wieder frei werden, statt uns in lahmen Entschuldigungen und langatmigen Erklärungen über Staatskirchenverträge zu ergehen. Die Angst verlieren. Die Angst um uns selbst macht uns zu einem Schatten unserer selbst. Die Angst um uns selbst wird auch die letzten Mauern noch zum Einstürzen bringen.

    »Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!«

    »Für die Völker!« Wir haben einen Auftrag. »Für die Völker!« Wir, die Kirche Jesu Christi, sind nicht für uns selbst da. Niemals.

    Wir denken nicht einmal an uns selbst. Gott denkt ja an uns. Dann müssen wir das nicht tun.

    Wir können uns getrost vergessen. In reformatorischer Freiheit. Und werden uns gerade dadurch finden.

    Und man wird uns nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des Herrn«, und dich, Kirche, wird man nennen »Gesuchte« und »nie mehr verlassene Stadt« …

    Identität heißt nicht Harmonie


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